Brilon zur Zeit der Hanse

von Dr. Alfred Bruns

Um 1300 erlebt Brilon seine erste Blüte und beginnt nun mit einer bewundernswerten Zielstrebigkeit, über zwei ein halb Jahrhunderte lang die städtische Gemarkung mit den im Wirtschaftsleben erworbenen Geldmitteln auszuweiten.

 

Fundament jeden Groß- und Fernhandels in Nord- und Westdeutschland jedoch war eine Mitgliedschaft in der Hanse. Wann Brilon dem mächtigen Städtebund beitrat, ist nicht überliefert, doch möchten wir nach den Belegen des 13. Jahrhunderts, 1255 Handel gemeinsam mit Soest, schon eine frühe Mitgliedschaft annehmen. Wie in der Gliederung der Städte des kölnischen Westfalen, so unterstand Brilon als Beistadt der hansischen Vierstadt Soest, die wiederum zunächst dem westfälischen, später dem kölnischen Drittel angehörte. Dieses Band blieb bis zur Soester Fehde erhalten; dann musste Soest 1469 Brilon unter den ungehorsamen Städten nennen, die seine Führung bestritten, 1494 wurde die Stadt von Köln beansprucht, 1507 bis 1522 zählte sie dann zu den widerspenstigen Soester Beistädten, 1579 schließlich drang Brilon auf Tax-, d.h. Beitragsermäßigung, und drohte mit dem Austritt. Wahrscheinlich standen hinter diesen Querelen landesherrliche Bestrebungen, die führende Stadt des kölnischen Westfalen von der Bindung an das nun feindliche Soest zu lösen.

Wenn Brilon schon im Mittelalter verhältnismäßig wenig unter den Hansestädten genannt ist, so mag das zum Teil an der bestimmenden Stellung Soests liegen, doch nehmen wir auch eine sich steigernde Interesselosigkeit der Stadt an, deren Fernhandel wahrscheinlich schon im 15. Jahrhundert auf ein Minimum abgesunken war. Bezeichnend, was noch im Jahre 1603 als Briloner Fernhandel bestand, ist die städtische Klage vor der münsterschen Hanseversammlung, dass ihr Bürger Brune Spickermann beim Einkauf von Leder in Hamburg aufgefordert worden sei, sich von der Stadt Soest seine Eigenschaft als „hansischer Verwandter“ bescheinigen zu lassen. Die Versammlung beschloss daraufhin, Lübeck zu bitten, Brilon in die Hansematrikel aufzunehmen, weil diese Klage erheblich sei. Noch 1614 verpflichtet sich die Stadt zur Beitragsleistung auf zehn Jahre; dann ist nur noch, diesmal im Stadtarchiv, das Schreiben Kölns an Soest über die lübische Einladung 1667 zum Hansetag in Abschrift erhalten, doch datiert es schon aus der Auflösungszeit. Mit dem Tag in Lübeck 1669 schloss die alte Geschichte der Hanse.

 

Am Beispiel vor allem der Kaufleute- bzw. Kramergilde soll dann auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt verwiesen werden.

 

 

Das Krameramt

 

Tiefer und stärker noch als Stadt und Schützen hat eine Brandkatastrophe das Krameramt betroffen, als 1758 die Amtslade mit sämtlichen Unterlagen in Flammen aufging. Der den Stadtbezirk überschreitende Amtsanspruch war durch landesherrliche Privilegien gesichert, die nun mühsam wiederbeschafft werden mussten. Insbesondere aber verlor die Stadt unschätzbare wirtschaftliche Quellen. Eine sich über 450 Jahre erstreckende Tradition ist bis auf sporadische Reste 1758 jäh ausgelöscht worden. Die städtischen Quellen sind ebenfalls kaum ergiebig; zum einen sind Verluste anzunehmen, zum anderen war das Krameramt trotz städtischer Privilegierung und Aufsicht im wesentlichen selbständig und nutzte eine eigene Berufsgerichtsbarkeit, wie im folgenden zu zeigen sein wird. So muss der Historiker mühsam eine lückenhafte Krameramtsgeschichte erstellen, die für eine zeitlich wichtige Einordnung gar auf sprachlichen Kriterien beruht.

 

In einem anderen Kapitel sprachen wir bereits die Hypothek der winzigen städtischen Gründungsgemarkung an und wiesen auf die dadurch sicher zum guten Teil ausgelöste wirtschaftliche Expansion.

 

Auch wenn sich die Ausfuhr der Wolle aus England durch zwei Angehörige der Familie „de Brilo“ wohl auf eine Lübecker Familie bezieht, so ist in deren Auswanderung eine frühe Beziehung Brilons zur bedeutenden Handelsstadt an der Ostsee erschließbar.

 

Spätestens im Jahre 1289 können wir die Anziehung Brilons für auswärtige Kaufleute belegen und stehen damit auf gesichertem Boden. Am 6. November 1289 setzen Bürgermeister, Rat und Stadtgemeinde die Bedingungen fest, unter denen Auswärtige, Bürger und Kaufherrensöhne in die Bruderschaft der Kaufleute –fraternitas mercatorum- aufgenommen werden sollten. Ein Jahr später, am 5. November 1290, folgten die bislang noch unbekannten städtischen Bestimmungen für die Bruderschaft der Kürschner, Schneider, Tuchscherer und Kramer. Schon der letztgenannte Beruf der „institores“ lässt uns aufhorchen, denn eingangs des Kapitels war ja vom Krameramt die Rede. Stellen wir diese auffällige Übereinstimmung zunächst zurück und wenden uns den genannten Privilegien zu:

(1289) Jeder Fremde, der kein Bürger ist, in die Bruderschaft der Kaufleute bei uns in Brilon eintreten und Kaufherr sein will, soll den Kaufleuten 1 Mark und 1 Pfund Wachs, zum Nutzen der Stadt 6 Schillinge geben.

 

Ein Bürger zahlt zum Eintritt den Kaufleuten 4 Schillinge und 1 Pfund Wachs, zum städtischen Nutzen 2 Schillinge. Ein Kaufherrensohn erstattet der Stadt 12 Pfennige, den Kaufleuten 2 Schillinge und ½ Pfund Wachs. Der Tuchschnitt soll allein den Mitgliedern dieser Bruderschaft vorbehalten bleiben, außer am Jahrmarkt.

 

Das Privileg von 1290 setzt dagegen, einige Wachsabgaben ausgenommen, genau die Hälfte der für die Kaufleute angegebenen Gelder fest und bezeichnet damit einen klaren Standesunterschied.

 

Die mercatores sind danach die Groß- und Fernhandelskaufleute wahrscheinlich im Wollhandel, während die anderen Berufe, unter ihnen die Krämer, Klein- oder Stadthändler gewesen sein müssen. Eine 1289 ja als bestehend genannte Bruderschaft der mercatores aber bedingte notwendig eine Mitgliedschaft im Kaufmannsbund der Hanse, die von den großen Städten zum wirtschaftlichen und politischen Bündnis erweitert wurde und Jahrhunderte der nord- und westdeutschen Stadtgeschichte entscheidend mitgeprägt hat. Die wenigen städtischen Hansebelege deuten darauf hin, dass Brilon sich im Spätmittelalter zunehmend vom Fernhandel zurückzog, und dies bestätigt zwar nur eine, doch entscheidende Quelle.

 

Das Privileg von 1289 hat Seibertz nach einer Übersetzung und Abschrift gedruckt, die sich unter den 1758 durch Brand sehr geschädigten alten Papieren des ehemaligen Krameramtes zu Brilon befand. Sie sei „aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts, sehr verblichen, zum Teil fast unleserlich“ und „höchstwahrscheinlich aus einer Übersetzung des lateinisch gewesenen Originals genommen“. Wie wir zunächst die Vermutung eines lateinischen Originals bestätigen können, so kann der abgedruckte Wortlaut keinesfalls der Zeit kurz nach 1600 angehören, sondern ist sprachlich in das 15. Jahrhundert, spätestens um 1500, zu datieren. Es kann sich also, und erneut bestätigen wir eine Annahme Seibertz’, im Text vom Anfang des 17. Jahrhunderts nur um eine Abschrift handeln, die allerdings den früheren Wortlaut beibehielt.

 

Der zeitliche Ansatz in das 15. Jahrhundert lässt sich zunächst an der Übersetzung einzelner Statuten von 1290 stützen, die aus dem roten Stadtbuch entnommen wurden. Dieses verlorene rote Stadtbuch aber ist vor 1497 –dem Beginn eines zweiten, erhaltenen Ratsbuches- zu setzen und enthielt wohl mittelniederdeutsche Übertragungen früherer städtischer Privilegien, vielleicht auch die Kaufleutestatuten von 1289.

 

Unsere so ausführliche Datierung der Übersetzung aber begründet sich, wenn die Übertragung der „fraternitas mercatorum“ von 1289 nun –d.h. im 15. Jahrhundert- de broederschaff der koepluden offte kremers“ lautet. Das kann nichts anderes als einen Zusammenschluss der am Ende des 13. Jahrhunderts noch scharf geschiedenen Bruderschaften der Kaufleute und Krämer bedeuten. Diese Vereinigung aber besagt, dass die Kaufleute zu Krämern geworden waren, sich also aus Fern- und Großhändlern zu Binnen- und Einzelhändlern rückentwickelt hatten bzw. dazu abgesunken waren. Die Beibehaltung der Kaufmannsgelder spielte angesichts einer laufenden Geldentwertung vom 13. bis zum 15. Jahrhundert keine Rolle mehr. Auf eine Neuverteilung der Bruderschaft von 1290 weist das städtische Privileg von 1423 für Pelzer (Kürschner) und Weißgerber, das Seibertz leider nur in einer Fußnote erwähnt, wie er dort auch das Statut für Schneider und Höcker als „etwas später ... abgefasst“ angibt. Da diese Quellen wohl verloren sind, müssen wir aus den gegebenen Hinweisen unsere Schlüsse ziehen. Die 1290 genannte Bruderschaft ist 1423 zersprengt, den einzelnen Berufen mussten neue Statuten gegeben werden. Unsere bisherigen Ausführungen über die Vereinigung von Kaufleuten und Kramern legen nun den Schluss nahe, dass eine Auflösung durch den Austritt der Kramer erfolgte, die damit wohl kurz vor 1423 sich mit der Kaufherrenbruderschaft vereinigten. Das bedeutete aber, die Statutenübersetzung in die gleiche Zeit –kurz vor 1423- zu datieren, was der Sprache nach durchaus möglich erscheint.

 

Wie endgültig der Abstieg der Kaufleute war, zeigt die seit dem 17. Jahrhundert, dem Beginn unserer Überlieferung, allein gebräuchliche Bezeichnung des Krameramtes. Dieses ließ sich aber nach dem Verlust seiner Archivalien 1758 nicht nur sein ursprüngliches Privileg von 1290, sondern bezeichnenderweise auch das der Kaufleute von 1289 neu ausstellen.

 

Fügen wir als weiteren Beweis die Titel und den Handelskreis innerhalb des Krameramtes an und wenden uns damit seiner fassbaren Geschichte zu:

Die Zusammenkünfte der Kramer fanden als sogenannte Hansen oder Hensen statt. Zitieren wir aus dem Protokoll von 1643, dessen Inhalt ganz im Zeichen des Dreißigjährigen Krieges steht: „Anno 1643 auff mittfasten (März 15) haben wir im namen Gottes der heiligen dreyfaltigkeit eine redtlige hense angefangen, williger (welche) lange ist verdunkelt gewesen durch kriegsbeschwerung und nur auf neu wider zu erhellen, dass sich itzo schwanier (vermutlich) undichtich krammers finden...“, welche untüchtigen Krämer nach aller Amtsgerechtigkeit gestraft werden sollten, weil sie nicht die vorgeschriebenen 4 oder 5 Jahre bei einem ehrlichen Kramer in der Lehre standen. Die folgenden Verhandlungsauszüge zeigen, dass dem Krameramt das Urteil über die Amtsmäßigkeit, d.h. die damals eingeschränkte Berufsberechtigung, und Vergehen dagegen zustanden: „Henrich Winoltt zur urkundt geben ein kan weihn undte ein g(ulden) den armen, darbei gesprochen, ehr wolle de kopenschuch nicht ofer geben undt wans ehme solle sein hals kosten“.

 

Heinrich Winolt gab zur Strafe eine Kanne Wein und 1 Gulden für die Armen und sagte dabei, er wolle die Kaufmannschaft nicht übergehen und wenn’s ihm den Hals kosten solle. Genannt sind 1643 zwei Hansegrafen, zwei Beisitzer, ein Drost, zwei „wortschaller“ (Wortführer), ein Scheffer und ein Schreiber als Vorstand, die sechs neue Mitglieder aufnehmen, indem sie sich „für ehrlich erkandt(en)“. Damit waren verbunden die eheliche Geburt, ein ehrsamer Lebenswandel und die Berufsvoraussetzungen der Lehre, des Gesellentums und möglichst eines Vaters, der ebenfalls Kramer war. Der Titel „Hansegraf“ deutet unseres Erachtens, und damit bestätigen wir L. v. Winterfelds Vermutung, auf einen „altertümlichen Rest“ des alten Hanserechtes, der sich durchaus aus dem Übergang der Kaufherren zu Kramern ableiten lässt.

 

Führen wir weiter einen Auszug aus den Kramerzunfts-Artikeln an, der kurz nach 1758 zu datieren ist: „haben sie in hiesiger Stadt und in den benachbarten Ortschaften in specie zu Kusselberg (Küstelberg), Meschede, Stadberg (Obermarsberg) wie auch zu Reiste, jedoch in ersteren Orth concurrenter mit der Crahm (Kramer) Zunft zu Attendorn, die große und kleine Hense oder das Hansenrecht da hingebracht, dass diejenige Crahmer, welche der Orthen mit Seide oder Wollenstoffen, Golt, Silber, Want- und sonstigen Ellenwaren handelen und auf offenen Markten feilhaben..., sich erst zur Hense oder Aufnahme in die Matricul anmelden, sich uber ihr ehrliches Herkommen und gut Auffurren (Aufführen) legitimieren...“, ferner überwachen Hensemeister die Waren.

 

Die Übereinstimmung mit dem Statut von 1289, dass den Kaufherren der Tuchschnitt und damit der Tuchhandel vorbehalten sei, ist offensichtlich. 1747 wird der Handel als mit „Wandt (Leinwand) und allerhandt Wahren“ bezeichnet. Ob die seit 1686 nachweisbare Hanse des Briloner Krameramtes in Orten und Märkten des Herzogtums Westfalen auf eine frühere Hansezugehörigkeit weist, erscheint angesichts der folgenden Belege fraglich. Die Bestätigung der Arnsberger Regierung im Jahre 1724 für das „Kramer-Ambt zu Brilon“ bezieht sich lediglich auf ein nicht näher bezeichnetes Privileg des Kurfürsten Maximilian (1650-1688) und führt wörtlich aus, dass selbigem in dahiesigen Hertzogthumb Westphalen die hense zustehe und hergebracht habe“. Dieses Privileg liegt wohl vor 1686, denn in diesem Jahr wurde die „Hanse zu Volckmarsheimb (Volkmarsen) volligen gezogen“. Das genannte Privileg von 1724 wurde präsentiert 1725 zu Marsberg und am St. Galli Markt (Oktober 22) zu Rüthen, 1726 der Wullentuchmacherzukunft zu Medebach, und am 17. Juni auf dem Küsselberger Markt sowie auf dem Bartholomaei Markt (August 24) zu Reiste.

 

Eine Klage der Wullentuchmacherzunft zu Medebach gegen dieses Privileg in den Jahren 1725 bis 1726 wurde von der Arnsberger Regierung abgelehnt, 1728 wandte sich die Kramerzunft Attendorn an den Amtsrichter der Kramerzunft Brilon wegen eines unqualifizierten Hensemeisters.

 

„Verhenset“, d.h. zur Ausübung des Krameramtes im Herzogtum Westfalen aufgenommen, wurden Bürger aus Schmallenberg (1763, 1764), Rüthen (1764), Winterberg (1764), Medebach (1766, 1769) Warburg (1769) und Korbach (1769). Erfolgte 1785 noch eine Bestätigung dieses Hanserechtes durch Kurfürst Max Franz, so hoben 1792 Landdrost und Räte zu Arnsberg das sogenannte Hänse-Recht auf, welches u.a. auch die Krämer zu Brilon zum Nachteil der Jahrmärkte und Freiheit des Handels ausgeübt und sich angemaßt hätten.

 

Blättern wir die Archivalien, von denen sich das Krameramtsbuch der Jahre 1754 bis 1791 im Staatsarchiv Münster und Akten ab 1758 bis 1806 –großenteils Konzepte und Produkte (Anlagen) zum Amtsbuch- im Burgarchiv Altena befinden, noch kurz auf das innere Leben des Krameramtes durch. Nach Feststellung des Brandverlustes von 1758 ging man im Haus des Amtsbruders Christopherus Becker zur gewohnten Tagesordnung über und vertrank ein Faß Bier zu 2 Drilingen (wohl 100 Liter) im Wert von 7 Rt., bei damalig 17 Mitgliedern eine gehörige Menge. Die Dekans (Vorstands-)wahl, Aufnahmen und Jahresabrechnung erfolgten am Pfingstsonntag, auch das religiöse Leben der Amtsbrüder findet sich vielfach angesprochen.