Am 28. Juni d. J. wird der bekannte, alle zwei Jahre wiederkehrende Schnadezug der Stadt Brilon abgehalten. Der Zug versammelt sich am gedachten Tage morgens präzise 7.00 Uhr auf dem Markte in Brilon. Dabei kommen folgende Bestimmungen zur Anwendung:
- Der Umzug wird unter Vorantritt der Stadtverordnetenversammlung und der Schützengesellschaft vom Magistrat geleitet. Jeder Bürger und Einwohner kann sich daran beteiligen.
- Zur Einhaltung der Ordnung verpflichtet sich jeder, der an dem Zuge teilnimmt.
- Keiner ist befugt, auf dem Lagerplatz oder sonst wo ein Zelt zu errichten und darin oder auf sonstige Weise geistige Getränke an andere auszuschenken. Die so genannten Marketender und Branntweinseller werden so wenig beim Zuge als auf dem Lagerplatz geduldet.
- Auf dem Lagerplatze werden auf städtische Rechnung 6 Ohm gutes Bier, für jedes Quartal 1 ½ Ohm, verabreicht werden. Die Aufsicht über die gerechte Verteilung führen die Herren Offiziere der Schützengesellschaft.
Meine verehrten Damen,
sehr geehrte Gäste aus nah und fern,
liebe Schnadebrüder,
liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Brilon,
die Schnadebestimmungen, die ich Ihnen gerade vorgelesen habe, stammen nicht aus dem Jahr 2010, sondern aus dem Jahr 1850, dem Jahr, in dem die Zuteilung des Freibieres für die Schnadebrüder heftig erhöht wurde. Die Bestimmungen könnten aber auch aus der heutigen Zeit stammen, was die Marschordnung angeht, die Einhaltung der Ordnung und der Tatsache, dass niemand außer den genehmigten Standbetreibern Getränke verkaufen darf. Eine Ausnahme hat diese alte Bestimmung jedoch: Das Bier auf dem Lagerplatz wird leider nicht mehr auf städtische Rechnung getrunken. Und ich glaube auch, dass wir heute mit 6 Ohm, das sind gut 4 Hektoliter, für die ganze Schnadegesellschaft nicht auskommen werden.
Wie viele Marktplätze gibt es in Deutschland, auf denen sich an einem Tag im Jahreskreis frühmorgens zwischen 6.00 und 7.00 Uhr weit mehr als 3.000 Menschen versammeln, um ein traditionsreiches Ereignis zu feiern? Es gibt nur einen, und das ist der Marktplatz in unserer Vaterstadt Brilon.
Verehrte Gäste, ich entbiete Ihnen allen in dieser frühen Morgenstunde einen herzlichen Willkommensgruß im Namen des Rates und der Verwaltung der Stadt Brilon. Ich freue mich sehr, Sie alle heute Morgen hier auf unserem Marktplatz vor unserem 760 Jahre alten Rathaus zur historischen Schnad begrüßen zu dürfen. Vor 622 Jahren, so sagen es die alten Schnaderezesse und die alten Urkunden, gingen nachweislich zum ersten Mal Briloner Männer die Grenzen unserer Vaterstadt ab.
Viele hundert Jahre hatte unsere Schnad durchaus einen ernsten Hintergrund. Unser Vorfahren kontrollierten die Grenzen, um den reichen Waldbestand der Stadt Brilon zu sichern. Dieser reiche Waldbestand hatte es der einen oder anderen Nachbarstadt und dem einen oder anderen Nachbardorf schon immer angetan, denn bei den vielen Millionen Bäumen, die die Briloner damals schon ihr Eigen nannten, glaubte man, kommt es auf den einen oder anderen nicht an und nahm ihn den Brilonern weg.
Oft ging es auch um Weiderechte und Hüterechte, aber meistens ging es bei den Grenzstreitigkeiten ums Holz, früher genau wie heute bares Geld für die Stadt. Sie wissen alle, meine verehrten Gäste, Brilon ist die Stadt mit dem größten kommunalen Waldbesitz in der Bundesrepublik Deutschland. 7.750 ha stadteigenen Waldes nennen die Bürgerinnen und Bürger von Brilon ihr Eigen. 1.000 ha oder 500.000 Festmeter davon haben wir Anfang 2007 bei dem schlimmsten Orkan, der jemals über Westfalen gewütet hat, verloren. Aber wir sind guter Hoffnung, dass die in die zig Millionen gehenden Mindererlöse und Kosten, die wir zusätzlich tragen müssen, in einigen Jahrzehnten wieder ausgeglichen sind. Unsere Kinder und Enkelkinder werden daran noch zu arbeiten haben.
Alle, die in Brilon mit dem Forst zu tun haben, haben seit Januar 2007 ganze Arbeit geleistet, viele Hundert ha schon wieder aufgeforstet mit jungen Pflanzen. Viele Flächen überlassen wir auch der Naturverjüngung, d. h. der Herrgott wird auf diesen Flächen junge Bäume wachsen lassen, die dann später von Menschenhand zu einem Wald geformt werden.
Gut für den, der viel Wald besitzt, ist die Tatsache, dass die Nachfrage z. Z. von Tag zu Tag steigt und dass die Preise im Gegensatz zum Jahr 2003/2004 kräftig angezogen haben, so dass mit dem Holz in Zukunft auch wieder Geld zu verdienen ist. Früher also eine dringende Notwendigkeit, die Grenzen zu kontrollieren, verehrte Gäste, ist der berühmte Briloner Schnadezug erst ungefähr seit 1820 ein großes Volksfest, wie man sich ein schöneres nicht vorstellen kann. Wir schauen heute nur noch symbolisch nach den Grenzen, weil es ein amtliches Katasterwesen in Deutschland gibt, in dem der Streit um Grenzen entbehrlich ist.
Seitdem ist die Schnad Anlass, mit Nachbarn und Gästen dieses große Fest zu feiern, ein Fest, das landauf, landab in Deutschland seinesgleichen sucht. Wir alle wissen, dass die Briloner Schnad schon ein paar Hundert Mal kopiert wurde, doch ist sie bis auf den heutigen Tag unerreicht, und sie wird auch in Zukunft nirgendwo an Umfang, an Bedeutung und auch an der Zahl der Teilnehmer erreicht werden.
Für die Brilonerinnen und Briloner, die Beruf oder Familie von ihrer Vaterstadt weg in andere Dörfer, Städte, Länder und Erdteile geführt haben, ist unser Schnadezug immer wieder Gelegenheit, die Heimat zu besuchen und Verwandte und Freunde wiederzusehen. Wie in all den Jahren vorher, hat die Stadtverwaltung auch zu dieser Schnad wieder mehr als 2.100 Einladungen in alle Welt versandt. Und ich weiß aus Rückmeldungen, dass viele, die heute nicht dabei sein können, egal wo auf der Welt jetzt um diese Uhrzeit mit den Gedanken hier bei uns auf dem Marktplatz sind. Und für alle die übertragen wir zum 3. Mal mit der Webcam, die oben im Dachgeschoss des Jägerhofs montiert ist, diese Zeremonie und den Auszug per Internet in alle Welt.
Ich begrüße Sie alle, meine Damen und Herren, die Sie von auswärts, seien es nur ein paar Kilometer, ein paar Hundert oder ein paar Tausend Kilometer von Übersee, zur Schnad 2010 in ihre alte Vaterstadt gekommen sind. Wenn ich jetzt alle Gäste aus dem öffentlichen Leben, aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung persönlich begrüßen würde, die wir zu dieser Schnad eingeladen haben, müssten wir unseren Ausmarsch sicher um 30 Minuten verschieben.
Ich begrüße die Mitglieder des Rates der Stadt Brilon, die Kolleginnen und Kollegen der Verwaltung, vor allem auch die, die sich für die Vorbereitung dieser Schnad im Bauhof, im Forst, im Rathaus und im Amtshaus besonders eingesetzt haben. Einen Dank sage ich auch jetzt schon an die Feuerwehrmänner unserer Freiwilligen Feuerwehr und an die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, die für unsere Schnad heute im Dienst sind. Den Kollegen des DStGB aus Berlin ein herzlicher Gruß.
Den Frauen und Männern, die die Verantwortung für eine gute Stimmung am heutigen Tag mit ihrer Musik übernommen haben, sage ich einen besonderen Gruß: den Musikerinnen und Musikern des Tambourkorps der Freiwilligen Feuerwehr unter der Leitung von Fredi Rennerich und den Musikerinnen und Musikern der Teutoburger Jäger unter der Leitung von Jörn Diekmann, die seit 1967 ununterbrochen in Brilon für die musikalische Gestaltung verantwortlich sind.
Ich begrüße die Sänger des Männerchores Brilon unter der Leitung von Thomas Albrecht, die zum 3. Mal ein Schnadelied von Ewald Skoczylas zur Eröffnung singen werden. Ganz herzlich begrüße ich auch die Musiker des Jagdhornbläserkorps Brilon und des Bläserkorps des Hegerings unter der Leitung von Franz Henke.
Den Abgeordneten des Bundestages und des Landtags, Herrn Dr. Patrick Sensburg und Herrn Hubert Kleff, den Vertretern des Hochsauerlandkreises, den Vertretern der Evangelischen Kirchengemeinde und der Propsteigemeinde sage ich ebenfalls herzlich willkommen. Stellvertretend für alle begrüße ich unseren neuen Propst, Herrn Dr. Reinhard Richter, der heute seine erste Schnad zieht.
Verehrter Herr Propst, Sie werden sich heute Abend um 8 Uhr fragen: Warum musste ich denn erst über 50 Jahre alt werden, um das zum ersten Mal zu erleben? Wer einen neuen Propst hat, hat auch einen alten. Und dessen Besuch ist eine ganz besondere Ehre für unsere Stadt. Ich begrüße den Bischof des Bistums Speyer, unseren Propst von 1999 bis 2002, Herrn Dr. Karl-Heinz Wiesemann. Hochwürdiger Herr Bischof, ich weiß, dass Sie ein ganz begeisterter Schnadebruder sind und Brilon auch in Ihrem neuen Amt nicht vergessen haben.
Ein ganz lieber Gast, dessen Wort im sozialpolitischen Bereich der gesamten Bundesrepublik Gewicht hat, ist in Brilon. Ich begrüße den Präsidenten des Sozialverbandes Deutschland Herrn Adolf Bauer. Herr Präsident, Sie sind unserer Stadt nicht zuletzt durch das Erholungszentrum des SoVD am Helleholweg seit Jahren eng verbunden.
Ein Gruß gilt den Vertretern der Wirtschaft, der Banken und der Verbände, der in Brilon ansässigen und für Brilon zuständigen Behörden und den Bürgern unserer Nachbarstädte mit ihren Bürgermeistern.
Verehrte Gäste, seit es die Schnad gibt, seit 1388, ist Brilon als Hansestadt bis zum heutigen Tag eine weltoffene Stadt geblieben. Früher waren es die wirtschaftlichen Beziehungen, der Handel mit den anderen Hansestädten, und heute sind es unsere Städtepartnerschaften mit Hesdin in Frankreich, Heusden-Zolder in Belgien, Thurso in Schottland und Bukow in Brandenburg. Alle Gäste aus unseren Partnerstädten begrüße ich ganz herzlich.
Aus ganz aktuellem Anlass ganz besonders Gäste haben wir heute erstmals bei der Schnad. Im September findet nach 1959, 1969 zum dritten Mal das Bundesschützenfest in Brilon statt. Deshalb gibt uns heute der gesamte Vorstand des Sauerländerschützenbundes mit Bundesoberst Karl Jansen die Ehre. Herzlich willkommen liebe Schützenbrüder.
Ganz zuletzt, zur Steigerung des Ganzen, begrüße ich die Vertreter der Medien von Presse, Rundfunk und Fernsehen. Mehrere Fernsehteams sind in Brilon, die aktuell berichten, aber auch dokumentarisch die Schnad drehen wollen. Liebe Schnadebrüder, bitte nehmen Sie die Journalistinnen und Journalisten herzlich auf Frühstücksplatz und Lagerplatz auf. Unser Freund Josef Klug auf Overath im Rheinland, der seit vielen Jahren einen Spezialfilm von jeder Schnad dreht, ein Gruß von der Rathaustreppe.
Liebe Schnadebrüder, getreu den jahrhundertealten Vorgaben gibt nun immer der Beigeordnete der Stadt Brilon in seinem Amt als Stadtschreiber den diesjährigen Schnadeweg bekannt. Sie wissen aber alle, dass der 1. Beigeordnete der Stadt, Reinhard Sommer, seit 1990 im Dienst als Stadtschreiber, nach 10 Schnadezügen nun in seinem Schnade-Ruhestand ist. Bei 10 Schnaden, so haben wir rekapituliert, hat es nicht einmal geregnet. Reinhard Sommer hat seinem Namen also die beste Ehre gemacht und war offensichtlich mitverantwortlich für das gute Wetter. Reinhard, herzlich willkommen.
Unser neuer Beigeordneter heißt nicht Reinhard sondern Reinhold und mit Nachnamen Huxoll. Er kann Ihnen aber jetzt den Schnadeweg noch nicht verlesen, er darf nach den ungeschriebenen Gesetzen auch die Standarte noch nicht der Grenze entlang tragen. Er ist nämlich kein Briloner Junge und hat somit auch noch nicht mit dem Schnadstein Bekanntschaft gemacht. Reinhold Huxoll stammt aus Beringhausen, ist seit genau einem Monat im Amt und erlebt heute seine erste Schnad. Er wird nach dem Treffen mit den Rüthenern und den Scharfenbergern am 1. Grenzstein am so genannten Dreiländer-Eck gestutzäst, ist dann ein vollwertiger Schnadebruder und kann seines Amtes walten. Bis dahin darf ich die Standarte tragen und gebe Ihnen nun auch den Schnadeweg bekannt. Und das tue ich in der Sprache unserer Vorfahren.
Liebe Schnadebrüder, lassen Sie uns den Ausmarsch zu unserem Schnadezug 2010 getreu der historischen Vorgaben machen. Lassen Sie uns zur Schnad ausziehen, wie es unsere Vorfahren seit Jahrhunderten überliefert haben.
Der Schnadezug wird angeführt durch die männliche Jugend, repräsentiert durch die älteren Jahrgänge der Briloner Schulen. Danach folgen das Tambourkorps der Freiwilligen Feuerwehr Brilon und die Blasmusik der Teutoburger Jäger. Da hinter reiten hoch zu Ross 7 Männer, der Stadtschreiber, der Forstdirektor, der Schützenkönig, der Schützenmajor und der Adjutant, der Träger der Briloner Bürgerfahne und der Bürgermeister.
Danach marschieren die Mitglieder des Rates der Stadt Brilon, die städtischen Forstbeamten mit ihren Haumeistern und die Offiziere der Schützenbruderschaft St. Hubertus von 1417 mit den 4 Schützenkompanien. Dann folgt das illegale Wappentier der Stadt Brilon, der Traditionsesel Huberta, und dann folgen die vielen tausend Schnadebrüder. Wir marschieren gleich einmal hinten um das Rathaus herum in Richtung Steinweg. Ich bitte Sie ganz herzlich, diesen kleinen Umweg um mitzumachen, um so die Marschordnung herzustellen.
Liebe Schnadebrüder, schützen Sie auch auf dieser Schnad den Stadtwald und die Feldflur. Werfen Sie keinen Abfall achtlos weg! Benutzen Sie die eigens von meinen Kollegen entlang des Schnadeweges angebrachten Müllbeutel! So leistet jeder seinen persönlichen Anteil zum aktiven Umweltschutz.
Sie alle werden und auch ich werde immer wieder gefragt: „Warum ziehen in Brilon beim Schnadezug morgens keine Frauen mit aus?" Es gibt dafür eine ganz einfache Erklärung. Und die ist nicht frauenfeindlich, wie man oberflächlich betrachtet meinen könnte.
Use Schnod weert bläuß van diän Mannslüen toen
haben uns unsere Vorfahren überliefert. Ich habe ja vorhin erläutert, dass die Schnad nicht immer ein Volksfest war, dass es Streitigkeiten gab, Streitigkeiten um Land, um Wald und um Holz, und diese Streitigkeiten sollten nicht vor den Augen der Frauen ausgetragen werden. Das ist die ganz einfache Begründung dafür, dass die Männer die Schnad bis zum Lagerplatz allein ziehen.
In diesem Sinn rufe ich nun alle Männer auf, den diesjährigen Schnadezug zu beginnen. Alle Damen, die Freundinnen, Bräute und Ehefrauen der Schnadebrüder lade ich ein, ihre Männer am Lagerplatz an Sommers Seite heute Mittag in Empfang zu nehmen und dann noch einige schöne Stunden gemeinsam zu feiern.
Beim Einzug heute Abend werden wieder die Glocken aller Briloner Kirchen läuten, so wie sie das seit 1790, seit fast 220 Jahren am Abend des Schnadetages tun.
Ich wünsche uns jetzt allen einen guten Tag bei guten Begegnungen und guten Gesprächen in Wald und Feld und Gottes herrlicher Natur.
In diesem Sinne auf zur Schnad 2010!