Von Grenzsteinen und Grenzbäumen

 

Nachdem sich der Schnadezug morgens in Bewegung gesetzt hat, zieht er zunächst hinaus zu dem Grenzstein, bei dem der letzte Schnadezug endete. Von dort geht es penibel immer genau der Grenze entlang, egal ob tiefe Schluchten zu durchqueren, Bäche zu durchwaten oder Berge zu erklimmen sind, bis zu den großen Grenzsteinen. Dort hält der Schnadezug jeweils für einige Minuten inne.

 

Der Stadtschreiber setzt die städtische Standarte auf den Grenzstein und die Schützenoffiziere berühren ihn mit ihrem gezogenen Degen zum Zeichen, dass sie ihn stets zu verteidigen bereit sind. Der Grenzstein wird auf diese Weise auch daran erinnert, in den kommenden zehn Jahren die Grenzen getreu zu bewachen. Der Stadtschreiber verliest nun den jeweiligen Rezess, der vor Jahrhunderten an genau dieser Stelle mit dem damaligen Grenznachbarn geschlossen wurde. Die Rezesse werden jedoch nicht etwa in heutigem Deutsch, sondern wortgetreu vorgetragen, d.h. in dem mit lateinischen Begriffen durchsetzten, nach heutigem Verständnis archaischen Deutsch des Mittelalters.

 

Bevor es dann weitergeht, wird der Stein nach altem Brauch von jedem Schnadebruder mit einem Blumenstrauß vom Hut geschmückt. Anschließend steckt sich jeder einen Eichenbruch an den Hut.

Aber nicht nur Steine wurden in früheren Zeiten als Grenzmarkierung herangezogen, sondern auch Bäume. In den überlieferten Schnadechroniken aus dem 16. Jahrhundert sind zumindest vier Bäume als Grenzwächter bezeugt, nämlich die Dingbuche (die später allerdings Bürer Linde genannt wird), die Keffliker Linde, die Eskerlinde und die Kulverlinde. Vermutlich hat es jedoch weit mehr, zumeist wohl namenlose Grenzbäume gegeben.

Als im Jahre 1879 eine neue »Bürer Linde« gepflanzt wurde, war dies dem Sauerländischen Anzeiger in seiner Ausgabe vom 09.09.1879 den folgenden Bericht wert:

»Den Bürgern Brilons wird es bekannt sein, dass in frühern Zeiten auf der Grenze Brilons und Bürens eine alte Buche stand, die Dingbuche genannt. Es war dies der Platz, wo in alten Zeiten das Blutgericht abgehalten wurde, Gerichte, die über Leben und Tod aburtheilten. Diese Buche, ein Grenzpunkt, ein historisches Wahrzeichen ist gefällt worden und lag die Gefahr nahe, einen für die Geschichte Brilons so wichtigen Punkt der Vergessenheit anheim fallen zu sehen. Es traten deshalb mehrere Herren Brilons, die Interesse für die Vergangenheit ihrer Vaterstadt haben, mit der königlichen Oberförsterei zu Büren und den Notabeln daselbst zusammen, dieses alte Wahrzeichen der Gerichtsbarkeit an der Grenze für kommende Geschlechter durch Anpflanzung einer neuen Buche zu erhalten und hierdurch die Erinnerung an die alten Zustände des Lebens und Treibens unserer Altvorderen zu befestigen. Es war verabredet, daß am 3. September dieses Jahres sich Abgeordnete beider Städte auf dem geschichtlichen Platze einfinden sollten, um die Einweihung der historischen Buche in feierlichster Weise vorzunehmen. Alles war besprochen und festgesetzt; aber wie es so häufig kommt, der eine Theil war verhindert. Die Briloner waren allein erschienen. Der Herr Stadtrath Thiele hatte sie mit bekannter Sicherheit auf seinem Leiterwagen hinausgefahren mit dem nöthigen Naß, was ja zu einer deutschen Einweihung niemals fehlen darf. An Ort und Stelle wurde nun die Buche mit dem Mitgebrachten vorschriftsmäßig geweiht und der übliche Umgang (dreimal um den Kump) gemacht. Der Herr Rechtsanwalt Lohmann hatte die Freundlichkeit, die Anwesenden auf die Wichtigkeit dieses historischen Aktes aufmerksam zu machen und sie aufzufordern, denselben demnächst als Zeugen zu unterschreiben. Später nahm der Herr v. Rudorff Gelegenheit, an den Muth der Vorfahren und die Zähigkeit derselben im festhalten einmal errungenen Besitzthums zu erinnern und die Anwesenden aufzufordern, diesen tathkräftigen Charakter auch auf ihre Nachkommen zu verpflanzen und er heranwachsenden Generation in diesem Sinne ein Hoch auszubringen. Nach Absingung einiger einschlägiger Lieder fuhr die Gesellschaft in dem Gefühle, einer gewichtigen Bürgerpflicht genügt zu haben, fröhlich der Heimath wieder zu. Unsere Nachkommen wollen daran ein Beispiel nehmen und alte Erinnerungen mit denselben Opfern zu erhalten suchen.«